Was es für mich bedeutet, Borderline zu haben

Kapitel 1: Die Anatomie der Sturzflut

Ich bin nicht permanent „der Borderliner“. Mein innerer Zustand ist abhängig davon, ob emotionale Bindung vorhanden ist.

Wenn ich emotional angebunden bin, habe ich vollen Zugriff auf meine Gefühle. Ich kann lachen, mich spüren, innerlich ruhig sein. Dieser Zustand unterscheidet sich nicht von dem anderer Menschen. Er ist stabil, lebendig, zusammenhängend. In dieser Phase gibt es kein inneres Chaos. Es gibt Präsenz.

Fehlt diese emotionale Bindung, verschiebt sich mein Normalzustand. Dann reguliere ich mich über Schreiben, Denken und Analysieren. Es ist kein Wegbrechen, sondern ein Abflachen. Ein Schutzmechanismus. So wird das Fehlen weniger spürbar.

In diesem Zustand dominieren Leere und Gefühlstaubheit. Einsamkeit ist vorhanden, aber sie wird nicht voll gefühlt. Die Dämpfung schützt davor, von diesem Mangel überwältigt zu werden. Es ist kein guter Zustand, aber ein funktionaler.

Was dabei verloren geht, ist nicht das Denken, sondern das emotionale Selbstgefühl. Körperlich bin ich präsent. Wahrnehmung ist klar. Was fehlt, ist der innere Kontakt zu mir selbst.

Gleichzeitig bleibt die Wahrnehmung nach außen hoch. Gefühle anderer Menschen nehme ich deutlich wahr – stärker als meine eigenen. Das passiert automatisch. Es ist kein bewusster Vorgang, sondern ein permanenter Scan. Während mein eigenes Erleben gedämpft ist, ist das der anderen scharf.

Die Sturzflut ist nicht der Dauerzustand. Sie ist kein permanentes Chaos. Der eigentliche Normalzustand ist entweder emotionale Verbundenheit mit voller Gefühlszugänglichkeit oder emotionale Dämpfung als Schutz. Beides sind stabile Zustände.

Die Intensität entsteht nicht aus Willkür, sondern aus dem Wechsel zwischen Verbundenheit und innerem Rückzug. Borderline zeigt sich hier nicht als Launenhaftigkeit, sondern als Abhängigkeit der Selbstwahrnehmung von emotionaler Regulation.

Entweder ich bin spürbar da – oder ich halte Abstand zu mir selbst, um das Fehlen auszuhalten.


Kapitel 2: Wie fühlt sich ein Trigger an?

Ein Trigger ist kein Ärger und kein bewusster Auslöser. Er ist eine unmittelbare Reaktion des Nervensystems. Er setzt ein, bevor Denken möglich ist. Nicht als Gedanke, sondern als Körperzustand.

Es geschieht extrem schnell. Innerhalb eines Augenblicks kippt der Körper von Ruhe in maximale Alarmbereitschaft. Der Herzschlag beschleunigt sich, der Brustraum wird eng, die Kehle zieht sich zu. Der Körper reagiert vollständig, obwohl der Verstand noch nicht weiß, worauf er reagiert.

In diesem Moment hat die Biologie übernommen. Der Verstand ist nicht weg, aber er hat keine Steuerfunktion. Ich kann später benennen, was passiert, aber währenddessen gibt es keinen Zugriff. Kein Stoppen. Kein Umlenken.

Ich bin ein stiller Borderliner. Das heißt: Die Reaktion bleibt nach außen meist unsichtbar. Kein Schreien, keine Aggression, keine Bewegung. Nach innen jedoch entsteht massiver Druck. Spannung, die keinen Ausgang findet. Ich stehe da und halte aus. Das kostet enorme Kraft.

Wenn das Bewusstsein wieder greift, kann ich mir sagen, dass es eine Borderline-Reaktion ist. Diese Einordnung ändert nichts am körperlichen Zustand. Der Trigger läuft ab, bis er biologisch abklingt. Einsicht hilft beim Verstehen, nicht beim Beenden.

Nach solchen Zuständen folgt Erschöpfung. Nicht nur emotional, sondern körperlich. Zwei bis drei Tage lang bin ich reduziert, kraftlos. Der Körper hat Hochleistung gefahren und zahlt danach den Preis.

Ein Trigger fühlt sich an wie Kontrollverlust auf biologischer Ebene. Der Körper reagiert, als wäre reale Gefahr da. Und ich muss warten, bis das System von selbst wieder herunterfährt.


Kapitel 3: Die Glaswand

(Anhedonie und Numbing)

Ein großer Teil meines derzeitigen Lebens findet hinter einer Glaswand statt. Ich bin anwesend, aber innerlich abgetrennt. Dieser Zustand wird als Numbing oder Anhedonie bezeichnet. Wahrnehmung und Denken funktionieren, emotionale Resonanz nicht.

Ich sehe die Welt klar. Ich erkenne, dass etwas traurig, schön oder bedeutungsvoll ist. Das Gefühl dazu bleibt aus. Zwischen dem Erleben und mir liegt eine Barriere. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Abschirmung.

Ein Beispiel: Nach dem Tod meiner Frau hörte ich Musik, die mich innerlich zerrissen hat. Sie war direkt mit dem Verlust verbunden, körperlich spürbar, überwältigend.

Heute höre ich dieselbe Musik. Die Bedeutung ist klar, die Erinnerung vollständig. Die emotionale Reaktion bleibt aus.

In diesem Zustand kann ich weder von Herzen lachen noch weinen. Gefühle sind nicht weg, aber stark gedämpft. Das Leben wird wahrgenommen, aber nicht durchlebt.

Um funktionsfähig zu bleiben, ersetze ich fehlende emotionale Resonanz durch Denken. Schreiben, Analysieren, Strukturieren. Der Verstand übernimmt die Regulation, die sonst von außen kommen würde. Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine Anpassung.

Ohne äußere Regulation bleibt dieser Zustand bestehen. Er ist anstrengend, isolierend und dauerhaft belastend. Die Glaswand schützt vor emotionalem Schmerz.


Kapitel 4: Sucht und die Suche nach dem Schmerz

Früher war Alkohol für mich ein Mittel, um die Glaswand zu durchbrechen. Ohne Alkohol war vieles gedämpft. Mit Alkohol konnte ich plötzlich stark fühlen. Ich konnte lachen. Ich konnte weinen. Vor allem konnte ich Schmerz fühlen.

Der Schmerz wurde so intensiv, dass er die Betäubung überlagert hat. Erst in dieser Intensität war er überhaupt erreichbar.

Mit Alkohol konnte ich so tief in diesen Schmerz gehen, dass der Wunsch entstand, nicht mehr leben zu wollen. Dieser Wunsch entstand aus der Intensität des Gefühls. Der Alkohol hat den Schmerz nicht erzeugt. Er hat ihn freigelegt.

Nach diesen Zuständen fiel ich tief in die Depression. So tief, dass nur noch der Gedanke blieb, zu meiner Frau zu gehen.

Heute spielt Alkohol keine Rolle mehr. Ich habe kein Verlangen danach. Aber die Erinnerung bleibt, weil sie etwas zeigt: Wenn der psychische Druck unerträglich wird, suchen Menschen mit Borderline einen Weg, ihn nach außen zu bringen.

Manche ritzen sich. Ich habe mir früher Zigaretten auf der Haut ausgedrückt. Es ging dabei nicht um Bestrafung. Es ging darum, inneren, unsichtbaren Schmerz und Druck nach außen zu verlagern.

Äußerer Schmerz ist konkret. Es gibt Medikamente dafür, die den Schmerz beenden. Das macht ihn erträglicher als das, was innen passiert.

Darum geht es hier. Nicht um Sucht. Sondern um den Versuch, mit einem inneren Zustand umzugehen, der ungefiltert, massiv und kaum auszuhalten ist.


Kapitel 5: Scham, Selbsthass und innere Auslöschung

Nach intensiven emotionalen Zuständen folgt bei mir häufig Scham. Nicht im Sinne von „Ich habe etwas falsch gemacht“, sondern als umfassendes Urteil über mich selbst. Es ist das Gefühl, als wäre meine gesamte Existenz fehlerhaft. Ein einzelner Gedanke, eine Fantasie oder ein innerer Impuls reicht aus, um diesen Zustand auszulösen.

In dieser Phase kippt das innere Erleben. Der Blick auf mich selbst wird hart, absolut und gnadenlos. Es gibt keine Relativierung, kein Abwägen. Ich empfinde mich als etwas, das man aus der Welt entfernen sollte. Nicht aus Wut, nicht aus Impulsivität, sondern als scheinbar logische Konsequenz dieses inneren Urteils.

Der Selbsthass ist dabei nicht laut. Er ist still, kalt und vollständig. Er richtet sich nicht gegen einzelne Eigenschaften, sondern gegen mein Dasein an sich. Scham und Ekel vermischen sich. Der Gedanke entsteht, dass es besser wäre, gar nicht da zu sein, keine Spur zu hinterlassen, nichts weiter zu verursachen.

Wichtig ist: Diese Gedanken entstehen innerhalb eines Zustands. Sie fühlen sich endgültig an, sind es aber nicht. Wenn der Zustand abklingt, verliert auch dieses Urteil seine absolute Macht.

Was bleibt, ist Erschöpfung – und das Wissen, wie radikal sich das eigene Selbstbild unter innerem Druck verändern kann.

Dieser Abschnitt beschreibt keinen Wunsch und keine Absicht. Er beschreibt, wie sich diese Phase anfühlt, wenn sie da ist.


Kapitel 6: Der Scan-Mode und die Sonde

Als Kind musste ich lernen, die Laune meiner Mutter zu prüfen, bevor ich mich gezeigt habe. Dieses Überlebens-Training hat einen Scan-Mode erschaffen. Ich bin hypersensibel für Mikrosignale, Mimik und Stimmen.

Ein einziges Wort am Telefon reicht mir, um zu wissen, wie es dem anderen geht.

Bei Nora war das extrem. Wir konnten die Konzentration des anderen spüren. Neulich rief ein Freund an, sagte nur zwei Worte, und ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmt.

Das ist keine Manipulation. Es ist das Bedürfnis nach Sicherheit.

Es ist aber auch eine Last: Ich fühle die Gefühle anderer Menschen extrem stark, während ich meine eigenen oft nicht erreichen kann.


Kapitel 7: Die Falle der Bindungsstile

Borderline ist nicht gleich Beziehungsunfähigkeit. Ich war mit meiner Partnerin 22 Jahre zusammen, weil der Bindungsstil gepasst hat.

Das Problem entsteht, wenn mein ängstlicher Bindungsstil auf einen vermeidenden Stil mit narzisstischer Abwehr trifft – wie bei Nora. Das zieht sich an wie Magneten, ist aber zum Scheitern verurteilt.

Es ruft in mir die massive Angst hervor, jemanden zu verlieren. Ich bin co-abhängig geworden und kämpfe nach neun Monaten immer noch damit.

Meine Lehre daraus: Man muss den Bindungsstil prüfen, bevor man sich an eine „Favorite Person“ bindet.


Kapitel 8: Der gedämpfte Alltag

Nicht jede Phase ist eine Sturzflut. Es gibt längere Zeiträume, in denen nichts eskaliert, in denen der Körper ruhig bleibt und keine akute Überforderung entsteht. Das bedeutet jedoch nicht Nähe, Lebendigkeit oder Entlastung. Es bedeutet Dämpfung.

In diesen Phasen bin ich innerlich auf Abstand zu mir selbst. Ich funktioniere über Denken, Struktur und Kontrolle. Der Verstand hält den Alltag zusammen, weil emotional keine tragfähige Verbindung vorhanden ist. Gefühle sind nicht verschwunden, aber sie erreichen mich nur abgeschwächt und verzögert.

Ich nehme wahr, was um mich herum geschieht. Gespräche, Aufgaben, Zeitabläufe sind klar. Gleichzeitig fehlt die innere Beteiligung. Der Tag wird organisiert und bewältigt, nicht durchlebt.

Dieser Zustand ist nicht dramatisch. Er ist leise, gleichförmig und zäh. Er verbraucht Kraft, ohne sie zurückzugeben. Er verhindert den Zusammenbruch, trägt aber nicht.

Nähe fehlt in diesen Phasen.
Sinn fehlt.
Energie fehlt.

Der Körper ist anwesend, der innere Kontakt bleibt gedämpft.

So sieht ein großer Teil meines Alltags aus.

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