Kapitel 6: Nora

 Ich machte weiter.
In der Zeit sprach ich mit niemandem, gab aber artig Bescheid, dass ich mich zurückziehen werde.
Niemand sollte sich Sorgen machen.

Tomi starb am 11. Juni. Am 13. Juni rief die Universität an. Die Immuntherapie schlug an.
Ich sagte: „Er ist gestorben.“ Ich legte auf und fing an zu weinen.
Meine Frau war am 20. Juni gegangen.

Zwei Tode. Zwei Welten. Und ich dazwischen.
Allein, ohne Halt.

Ich tauchte wieder ab.
Alkohol. Fünf Tage.
Ich musste raus aus allem.
Dann kam ich wieder – wie immer.
Ich machte weiter.

Und hatte auch weiterhin Kontakt zu Nora.
Ganz normal.
Als wäre nichts gewesen.

Was ich gebraucht hätte – war ein Ort, an dem ich schwach sein durfte.

Ich hatte Nora gleich zu Beginn gesagt, dass ich mir jemanden wünsche, bei dem ich meine verletzliche Seite zeigen kann.
Aber als es ernst wurde – als ich hilflos im Krankenhaus lag – kam keine Hand, kein Wort, kein Mitgefühl.

Vielleicht war es zu viel.
Vielleicht war ich zu viel.
Und ja: Es tat weh.
Aber noch schlimmer war, was ich danach tat.

Ich machte weiter.
Ich entschuldigte sie.
Ich erklärte ihr Verhalten.
Und ich begann, meine eigenen Maßstäbe zu verraten.

Ich habe – trotz meines Alters, trotz allem, was ich erlebt hatte – meine Prinzipien vergessen.
Ich habe Dinge akzeptiert, die ich früher niemals akzeptiert hätte.

Ich war stolz darauf, nie abhängig zu sein.
Aber ich war es längst.

Nicht von ihrer Liebe – die habe ich nie wirklich bekommen.
Sondern von der Hoffnung. Der Illusion.
Dass Nähe heilt, wenn ich nur genug gebe.

Ich wurde zu jemandem, den ich selbst nicht mehr respektierte.
Und das war mein größter Fehler:
Ich liebte sie auf eine ungesunde Weise –
so sehr, dass ich mich selbst verriet, um es ihr recht zu machen.


Abends telefonierte ich mit Nora.

Wieder diese Frage:
„Du, bátya … hast du gerade gesagt …?“
Ich sagte Nein, wiederholte, was ich wirklich gesagt hatte.
Aber ihre Stimme veränderte sich.

Plötzlich sprach da nicht mehr Nora –
da war meine Mutter.

Sie sagte furchtbare Dinge, die nicht stimmten.
Sie wurde laut. Schrill.
Irgendwann war es ein wilder Ausbruch, der minutenlang anhielt.

Ich sagte nichts. Ich war ruhig.
Ich verstand die Welt nicht mehr.

Dann legte sie auf.
Rief kurz darauf wieder an.
Und es ging von vorn los.

Ich kannte damals das Wort „Trigger“ noch nicht.
Ich wusste nichts von Borderline.

Ich wusste nur:
Das war nicht normal.

Und ich wusste:
Ich falle gerade zurück.
In die Depression.
Und es gibt keinen Halt.

Diesmal fand ich keinen Ausgang.
Ich bekam Angst.

Angst, alles zu verlieren, was ich mir in den letzten Monaten so hart aufgebaut hatte.

Ich ging zu meinem Psychiater.
Ich bat ihn um Beruhigungsmittel – nur für kurze Zeit.
Ich erzählte ihm nichts von Lis.
Ich hielt es nicht für nötig.
Ich erkannte die Zusammenhänge nicht.

Ich wünschte, ich hätte es getan.
Er hätte das sofort erkannt.
Er hätte mich aufgeklärt.
Und ich hätte die Sache früher verstanden.


Die Maßnahme fing wieder an, und ich beschloss, mit Lis ein klärendes Gespräch zu führen.
Ich wollte, dass die Stimmung sich nicht auf den Kurs überträgt.

Aber zu meiner Überraschung tat sie, als wäre nichts gewesen.
Kein Ausbruch. Kein Rückzug. Keine Funkstille.

Ich sprach es vorsichtig an.
Ich sagte ihr, dass sie eine Seite habe, die wie ein kleines Kind sei –
ich nannte sie eine unverschämte Göre.

Sie sagte nur:
„Die Göre ist ein Teil von mir.“

Und sonst?
Nichts.

Ich fragte mich langsam, ob ich derjenige war, der den Verstand verlor.
Warum ließ ich mir das gefallen?

Aber es ging einfach weiter.
Wieder keine Aussprache.
Wieder zurück zum Normalbetrieb.


Dann kam der Bewerbungstag.
Wir bewarben uns fleißig, schrieben Bewerbungen, bereiteten uns ernsthaft vor.

Ich hatte ein Vorstellungsgespräch bei einem Betrieb, mit dem ich Kindheitserinnerungen verband.
In die Metzgerei ging ich schon als Kind.

Was ich nicht wusste: Das Ausbildungszentrum hatte mit Fleischerei nichts zu tun.
Es war ein Industriebetrieb – ohne Handwerk, ohne Sinn.
Ich war nur einer von vielen billigen Arbeitskräften.

Der reinste Horror.


Nora hatte eine Zusage von einem katholischen Träger bekommen und begann ihre duale Ausbildung im sozialen Bereich.

In der Maßnahme wurde immer wieder betont, dass sie sich um das Finanzielle keine Sorgen machen sollte –
es würde sich alles zu ihren Gunsten klären.

Wir glaubten beide daran.
Was ein fataler Fehler war.

Wir waren beide happy.

Nach ein paar Monaten, die die Hölle für mich waren –
weil die Arbeitsbedingungen einfach unmenschlich waren, jeder schrie herum und es kam öfter zu Prügeleien –
kam, was kommen musste:


„Du, bátya … hast du gerade gesagt …?“
Wieder Rückzug.
Wieder Ghosting.
Wieder Fall.

Und diesmal: körperlicher Schmerz.

Ich bekam eine Lungenentzündung.
Ich musste wegen einer Hernie ins Krankenhaus.

Und niemand war da.
Niemand.

Ich hätte sie gebraucht.

(Teil IV, Fortsetzung)

Aber diesmal war etwas anders.
Diesmal kam die Wut.
Und ich zog mich zurück.

Diesmal nicht nur für Tage.
Für Monate.

Ich suchte mir einen neuen Betrieb – nicht, weil ich wollte, sondern weil ich musste.
Ich wollte meine Prüfung nicht gefährden.

Das bedeutete:
Schweine zerlegen, durchziehen, durchhalten.

Ich hörte von einem Betrieb, der Azubis suchte, und beschloss spontan, mich dort zu bewerben.
Ich rief an und erwischte den Meister der Fleischerei.
Wir verstanden uns auf Anhieb.
Er war eine Frohnatur und machte immer Späße.
Es entwickelte sich fast so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis, obwohl er so viel jünger war.

Die Chefin – der das ganze Haus gehörte und die zusätzlich ein großes Restaurant leitete – war anfangs sehr verständnisvoll und schien auch an meiner Geschichte interessiert zu sein. Das gefiel mir sehr.

Endlich mal eine Chefin, die sich auch für ihre Azubis interessierte.

Pfingsten war ein Fest in den Weinbergen, und ich fragte, ob ich mitgehen und helfen könne.
Das kam gut an und machte tierisch Spaß.
Ich durfte mit einem Koch zusammenarbeiten und lernen, wie koordiniertes Arbeiten in der Küche funktioniert.

Der Lebensgefährte meiner Chefin war auch sehr nett und schaffte es immer wieder, mich mit seiner ruhigen Art zu begeistern.

Ich ging mit meiner Situation sehr offen um und sagte, wenn es mir nicht gut ging.
Ich bin trotzdem arbeiten gegangen – war dann aber eben ruhiger.

Dass das eines Tages gegen mich verwendet werden könnte – und würde – war mir nicht klar.


In dieser Zeit begann ich wieder zu lesen.
Nicht Romane. Fachtexte. Psychologie.

Ich recherchierte immer, wenn ich Zeit hatte.
Ich musste auch für die Schule lernen.

Zuerst, weil ich verstehen wollte, was mit Nora passiert war.
Dann, weil ich verstehen wollte, was mit mir los war.

Ich stieß auf Begriffe:
Erst Narzissmus, dann Borderline.

Es gab Foren, in denen sich sogenannte Opfer versammelten und ihren unglaublichen Hass auf ihre Ex-Partner bündelten.
Ich versuchte zu verstehen und eine Lösung zu finden –
aber diese Leute lebten nur ihren Hass aus, ohne Sinn und Verstand.

Ich sah plötzlich meine Familie mit anderen Augen:

  • Ein Bruder mit schwerer Drogenabhängigkeit.
  • Ein anderer mit Psychose.
  • Und einer, der so voller Kontrolle war, dass ich ihn nur noch narzisstisch nennen konnte.

Und ich?
Borderline.

Jeder von uns trug etwas in sich –
etwas Unausgesprochenes, das alles bestimmte.


Dann kam Weihnachten.
Eine SMS: „Frohe Weihnachten.“

Ich hätte mir gewünscht, sie hätte sie nicht geschickt.
Ich war dumm genug, zu antworten.

Und es kam, wie es kommen musste:
Wir trafen uns.

Und es war wieder alles wie früher.
Ohne Aussprache.
Ohne Erklärung.

Einfach weiter – als wäre nichts gewesen.


Teil V – Der Preis

Der Punkt kam im Frühjahr.
Wieder ein Ghosting.

Und diesmal war es anders.
Es war nicht nur die Stille. Nicht nur der Rückzug.
Es war der Schmerz, dass es schon wieder passierte –
ohne Vorwarnung, ohne Erklärung.

Und dass ich es wieder zuließ.

Ich konnte nicht mehr.
Ich schrieb einen Brief –
einen emotionalen, ehrlichen, vielleicht auch verzweifelten Brief.

Nicht, um sie zurückzuholen.
Sondern, um endlich Ruhe zu finden.


In meinem Herzen kämpft mein Ego gegen die Spiritualität.

Mein Ego ist wütend, zutiefst verletzt und unglaublich enttäuscht.

Mir war klar:
Es gibt niemanden, der mir so weh tun kann –
und das, trotz meiner ausdrücklichen Bitte, es nicht zu tun.

Mittlerweile schaffe ich es immer öfter, das aus einem spirituellen Winkel zu sehen.
Und ich hoffe, dass in diesem letzten Brief die spirituelle Seite die Oberhand behält.

Mein Ego sagt:
„Du hättest ja auch schreiben und dich öffnen können.
Zumindest mir gegenüber.“

Dass du es nicht getan hast –
sagt das etwas aus?
Und wenn ja –
sollte ich dann genauso reagieren?

Nein.

Dies ist ein Versuch, diese unselige Sache auf eine anständige Art und Weise zu beenden –
so, dass wir uns in Zukunft noch in die Augen sehen können.

Glaub mir:
Wir werden uns begegnen.

Da du mir analog – also in der Wirklichkeit – keine Möglichkeit eingeräumt hast, mich von dir so zu verabschieden,
dass mein Herz und meine Seele Frieden finden können,
versuche ich es jetzt so.

Teil VI – Abschied, Würde und die Wahrheit über uns

Drága kis Húgicám,
so lange ich lebe, wirst du immer meine kleine Húgi sein.
So war es von unserem Spirit geplant, und so soll es sein.

Ich liebe dich nach wie vor – der Trennungsschmerz verstärkt es eher noch.

Es gab einen Grund, dass wir uns begegnet sind.
Und dass uns die Möglichkeit gegeben wurde, in so kurzer Zeit ein so starkes Band zu knüpfen –
ein Band, das uns unser Leben lang verbinden wird.

Ganz gleich, was aus uns wird.
Ganz gleich, in welchem Teil der Erde wir uns befinden.

Mein Ego mal außen vorgelassen (glaube mir, der Ton wäre ein ganz anderer):
Wenn es einen Grund für die Verbindung gab (einer war, so viel wie möglich voneinander zu lernen),
muss es auch einen Grund für diese abrupte Trennung ohne Möglichkeit des Abschieds geben.

Selbstschutz ist sicher einer davon – so kann es nur einmal weh tun.
Lernen, zu schätzen und zu schützen, was man hat –
und notfalls dafür zu kämpfen – ein anderer.

Keiner hat gekämpft.
Und jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben.
Möge es uns eine Lehre sein.


Regeln, die schon Jahrtausende alt sind – und unabdingbar für einen gemeinsamen Lebensweg –
sollten in dieser herzlosen Zeit, in der sich jeder selbst der Nächste ist
und Egoismus und Interessen die Welt regieren, eine Selbstverständlichkeit sein.

Die Einzigartigkeit unserer Beziehung zu erkennen und wertzuschätzen, ist uns offensichtlich nicht gelungen.
Sonst hätte das niemals passieren können.

Selbstfindung dürfte der Schlüssel sein.
Das Loslassen des Kindes, das wir zweifelsohne mit uns herumtragen –
und das uns schon so vieles gekostet hat.

Zuletzt: unsere Beziehung,
die – wie wir beide wissen – einzigartig ist.

Nähe in dieser Intensität zuzulassen, ohne Tabus,
spricht für ein tiefes Vertrauen –
das keiner von uns beiden einem anderen Menschen geben würde,
vermutlich nicht einmal unseren zukünftigen Partnern.

Es darf nicht sein, dass wir noch einmal unser Glück so sehr mit Füßen treten.
Jünger werden wir beide nicht mehr.


Die Zeit, die wir verloren haben, fühlt sich wie gestohlen an.

Wir haben beide gesehen, wie wir reagieren,
wenn uns etwas gestohlen wird –
seien es Kleinigkeiten wie zehn Euro oder etwas Größeres.

Wie konnten wir dann bei diesem Diebstahl so ruhig bleiben?

Zeit, die wir in Liebe, Glück und Respekt hätten verbringen können,
wurde uns genommen.

Zu meinem tiefsten Bedauern kann sie uns niemand zurückgeben.
Wir können die Uhr nicht zurückdrehen.
Wir können nur versuchen, es in Zukunft – wenn auch getrennte Wege gehend – besser zu machen.


Ich hatte nach dem 07.11. (kommt dir das Datum bekannt vor?) noch einmal eine richtig harte Zeit:

  • Schwere Lungenentzündung
  • Radiologische Untersuchung
  • Bálint habe ich die Freundschaft gekündigt – mit Abschiedsumarmung und guten Wünschen
    (wieso konnten wir das nicht auch so machen?)
  • Der 25.11. erklärt sich von selbst. Passt, dass das Datum mit allem, was mir weh tut, in die 20er fällt.
    (Keine Anrede, reden? Am Telefon?)
  • Kündigung beim Kübler mit allen daraus resultierenden Konsequenzen
  • Durchhalten bis zum letzten Arbeitstag

Zeit, in der ich mich nach dir verzehrt habe.
In der ich mich gefragt habe, wie ich das ohne dich an meiner Seite schaffen soll.

Der Mensch gewöhnt sich schnell an das Schöne.

Ich war, bin und werde immer dankbar sein, ein Teil von dir,
deines Innersten und deines Lebens gewesen zu sein –
wenn auch nur für eine sehr kurze Zeit.


Deine Liebe, Nähe und Fürsorge spüren zu dürfen, hielt ich stets für ein Privileg.

So wie ich lachen neu lernen musste,
hast du es geschafft, die Liebe und die Hoffnung zurück in mein Herz zu bringen.

Deine Güte und deine Gabe, mich zu lehren:

  • Toleranz
  • Kompromissfähigkeit
  • das Anderssein zu akzeptieren
  • Dinge zu probieren, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht meins waren
  • und vor allem: das Wie

haben mich tief beeindruckt.

Die Diskussionen, die wir geführt haben,
waren stets auf einem sehr hohen Level – geprägt von Liebe und Respekt.

Es war mir zum ersten Mal möglich, ich selbst zu sein.
Eine wunderschöne Erfahrung.

Nicht alles selbst entscheiden zu müssen.
Nicht immer der starke Mann sein zu müssen.

Leider hat sich das – ohne dich an meiner Seite – ins Gegenteil verkehrt.

Es war unglaublich schwierig, in den Einzelkämpfer-Modus zurückzufinden.
War ich es doch gewohnt, dich anzurufen.
Dich um Rat zu fragen.

Einmal dachte ich: Ich schaffe das nicht.

Letzten Endes habe ich es doch geschafft.
Und bin nun eine – wenn auch sehr schmerzhafte – Erfahrung reicher.


Bei meiner Zielsetzung ist es nicht ratsam, schwach zu sein.
Das weiß ich jetzt.

Und ich nehme es als einen von mehreren Gründen unserer freiwilligen (kein Versuch, etwas zu retten) Trennung – ohne Not.

Ich vertraue meinem Spirit mehr denn je.
Mein Durchhalten wurde belohnt:
Ich bin jetzt Azubi in einem Betrieb, bei dem ich mich schon zu Metiszeiten beworben habe.

Vielleicht erinnerst du dich?
Eine Fleischerei mit Hotel und Restaurant.
Ein Betrieb mit Herz und Seele.

Hier schließt sich der Kreis.

Denn ohne die meinen alten Betrieb wäre ich nicht in den neuen Betrieb gekommen.


Über unser Disaster habe ich mit niemandem geredet.
Ist bei der maßnahme von Vorteil.

Ich werde nicht müde, meinem Coach gegenüber zu erwähnen, dass wir ein Herz und eine Seele sind.

So hat sie sich verplappert:
Dein Coach hat sie vor uns beiden gewarnt.
Weil wir uns lieben.
Weil wir zusammenhalten wie Pech und Schwefel.
Und weil wir gefährlich werden können.

Das hat zuletzt dein ehemaliger Coach zu spüren bekommen.
Und das hat bei der maßnahme auf jeden Fall Eindruck hinterlassen.

Was hätten zwei hochenergetische Wesen
mit einer riesigen Portion Sprengstoff im A… wie wir es sind,
noch auf die Beine stellen können?

Diese Frage tut so unglaublich weh,
dass ich sie nach Möglichkeit vermeide.


Erinnerst du dich?

„Wenn es nur nicht immer so scheiße weh tun würde …“

Du hast gelacht.
Lachst du jetzt auch noch?


In der Systemischen kommt die Einsicht immer zwischen den Terminen.
Ich hoffe, du findest die Kraft, über deinen Schatten zu springen –
und die Weisheit, das Gelesene selbstkritisch zu analysieren.

Finde das kleine Mädchen, das du seit deiner Kindheit mit dir herumschleppst.
Umarme sie.
Und lass sie dann gehen.

Du bist jetzt eine erwachsene Frau.

Möge der liebe Herrgott immer schützend seine Hand über dich halten.
Und der gleiche Geist, der mich führt, auch dich zu einer wunderschönen Zukunft.

Ich liebe dich.

Dein Bátya. Nicht irgendeiner – sondern der Bátya.


Nachsatz: Was mich so verletzte …

… war nicht das Ende an sich – sondern, wie es geschah.

Ich bin jemand, der an Abschiede glaubt.
An saubere Schnitte.

Man streitet.
Man trennt sich.
Ja.

Aber dann spricht man sich ein letztes Mal aus,
wünscht sich alles Gute – und geht.

Das ist Würde.

Doch das hier?
Dieses Verstummen.
Dieses Wegdrehen.
Dieses Auslöschen –

das passte nicht in meine Welt.


Das war aber die Bedeutung von Borderline.

Es ist ein Riesenunterschied, ob man sich in die Thematik einliest –
oder ob man selbst betroffen ist
und es verstehen muss.

Eine Lektion, die mir unglaublich schwerfiel –
zu verstehen
und zu akzeptieren.


Von Narzissmus zu Borderline

Zuerst landete ich bei Narzissmus.
Dann bei Borderline.

Und dann in diesen dunklen Foren,
wo sich sogenannte „Opfer“ von Borderlinern versammelten.

Die Texte dort machten mich sprachlos.
Voller Hass. Voller Abwertung.

Kaum jemand stellte sich die Frage:
Wie konnte es so weit kommen?

Kaum jemand suchte nach einem echten Verständnis.
Keine Lösung – nur Selbstmitleid und Schuldzuweisung.

Ich fand das abstoßend.
Und doch …
berührten mich manche Schicksale.

Weil sie vertraut klangen.


Das Wiedersehen – und die Nachricht von einer neuen Beziehung

Ich rief Lis an.
Wir trafen uns.

Ich erzählte ihr von meinen Recherchen.
Sie schaute mich an und sagte:

„Du siehst nicht gut aus.“

Dann gingen wir wieder unserer Wege.

Aber natürlich nicht lange.
Es dauerte nie lange.

Teil VII – Kein Schlaf, kein Halt

Und irgendwann
waren wir wieder „ein Herz und eine Seele.“

Diesmal hatte sie einen neuen Freund.
Ich freute mich – auch wenn er ihr Arbeitskollege war
und eigentlich so etwas wie ihr Ausbilder.

Er war polnischer Abstammung,
was mich freute.
Ich verbinde Polen mit Tradition und Werten.

Ich dachte mir:
Besser als diese alte On-Off-Geschichte von früher.

Ich fragte, wie er sei.
Ob sie jetzt endlich angekommen sei.
Und ob ich damit endlich die Verantwortung abgeben könne,
die ich – ob gewollt oder nicht – die ganze Zeit getragen hatte.

Sie war nicht wiederzuerkennen.
Sie wirkte überzeugt. Sicher. Entschlossen.
Sie sagte, ihre Suche habe ein Ende.

Es sah nach Stabilität aus –
zumindest für einen kurzen Moment.

Doch sie stritten jeden Tag.

Ich fragte, wie man nach so kurzer Zeit so viel streiten könne.
Da erzählte sie, dass er einen Topf mit Essen im Klo entsorgen sollte.
Er nahm die Klobürste dafür.
Und sie lachte. Sie fand es witzig.

Sie erzählte auch, dass er ein Drogen- und Alkoholproblem habe
und plane, mit dem Trinken aufzuhören.

Ich fragte sie,
Wieso muss man das planen?

Ich war schockiert.

So einer soll sich um Jugendliche in Not kümmern?
Wieso werden solche Leute nicht kontrolliert?

Ich fragte, ob sie noch so oft streiten würden.
Sie sagte ja.
Sie könne ihm nicht vertrauen.

Was das bedeutete,
sollte ich erst viel später verstehen.


Er fuhr in Urlaub.
Alleine.

Er hatte das schon länger bezahlt.
Es ging nach Südostasien.

Sie stritten auch am Telefon.
Und er beendete es am Telefon mit den Worten:

„Wir wollten aufhören zu spielen.“

Nora schien nicht beeindruckt zu sein.
Sie fing an, ihn abzuwerten.
Nicht schlimm – aber eben doch.

Ich fragte mich, wie das funktionieren sollte –
beide arbeiteten eng zusammen, im selben Haus.


Die Sache mit dem neuen Freund war vorbei.
Nora stürzte ab.

Sie rief abends an.
Ihre Stimme war brüchig.
Sie sagte, es ginge ihr nicht gut –
was bei ihr etwas bedeutete.

Sie hasste Schwäche.
Sie sprach selten über Gefühle.
Aber jetzt brach etwas auf.

Als ich sie sah, erschrak ich.
Ihr Gesicht war schmerzverzerrt.
Die Augen halb geschlossen – wegen der Lichtempfindlichkeit.
Jeder Ton schien ihr weh zu tun.

Ihre Präsenz: ausgelöscht.
Wehrlos.
Jeder hätte sie mitnehmen können.

Ich brachte sie mit ihrem Einverständnis in die Notaufnahme der Psychiatrie.

Ein junger Arzt schob erst Frust –
er erkannte den Ernst der Lage nicht
und faselte etwas von „regulären Öffnungszeiten“.

Ich wurde langsam genervt.
Ich sagte ihm, dass ich über ein Jahr auf meinen Termin gewartet habe.
Irgendwann verstand er, wie ernst es war,
und machte einen Dringlichkeitsvermerk.

Wir sollten am nächsten Morgen unbedingt in die Psychiatrische Institutsambulanz gehen
und dort vorsprechen.


Als wir die Treppen hinuntergingen, hielt ich ihre Hand.
Ich hatte Angst, sie könnte einfach nach vorn kippen.
Oder etwas Dummes tun.

Sie hatte von Suizid gesprochen.

Ich sagte, dass ich sie liebe.
Dass sie bitte keinen Unsinn machen soll.
Sie versprach es mir.
Ich versprach ihr, dass wir das regeln.


Am nächsten Tag holte ich sie ab.
Wir gingen zur Institutsambulanz.
Ich kannte mich aus.
Wusste, wie man das durchzieht.

Die Psychiaterin war ruhig, klar, erfahren.
Sie sah sofort, wie schmerzverzerrt Noras Gesicht war,
und erkannte augenblicklich den Ernst der Situation.

Nora redete.

Über die Trennung verlor sie kein Wort.
Stattdessen erzählte sie von ihrer On-Off-Beziehung
und dass sie Stalking ausgesetzt sei.

Sie wollte das schon so lange beenden,
aber der Typ ließ sie scheinbar nicht in Ruhe.

Die Geldsorgen.
Die Angst.
Die Einsamkeit.

Zum ersten Mal ließ sie mich wirklich tief in sich blicken.

Eine Diagnose gab es nicht sofort.
Vermutung:
rezidivierende Depression
und eine drogeninduzierte Psychose.


Nach dem Gespräch: Erleichterung.
Für sie. Für mich.

In den nächsten Tagen war ich nicht nur ihr Begleiter.
Ich war ihre Schnittstelle zur Welt.

Ich dachte für sie mit,
sprach für sie,
erledigte Briefe,
besorgte Medikamente,
organisierte Unterlagen fürs Amt.

Es war nicht nur Sorge –
es war Übernahme.

Und das war der Moment, in dem ich begriff,
wie sehr ich die Retterrolle genoss.

Es fühlte sich an wie Liebe –
war aber Co-Abhängigkeit.


Ich schaltete meine Kontakte ein.
Wir holten Hilfe.

Das duale Studium war für sie vorbei.
Sie hatte keine finanziellen Mittel mehr.
Die Miete musste schnell bezahlt werden.
Die Hochschule forderte weiter Gebühren – trotz Attest.
Vom Staat bezuschusst,
aber gnadenlos, wenn’s ums Geld ging.

Und dann passierte etwas Seltsames.
Etwas, das ich nie vergessen werde.

Ich hatte im Lotto gewonnen. 800 Euro.
Nicht viel – aber es reichte.

Ich sagte, es käme von oben.
Dass Gott oder das Universum mit uns sei.
Sie lächelte schwach – aber ich glaube, sie spürte es auch.

Sie hatte Angst, den Lottoschein allein abzugeben.
Ich war arbeiten, konnte erst am Nachmittag.
Also gingen wir zusammen.
Es war ihr sichtlich unangenehm.

Aber die Miete musste bezahlt werden.
Und sie musste ja auch essen.
Und – du weißt schon – irgendwie leben.

Ich habe nie darüber gesprochen.
Nicht weil es mir unangenehm war.
Sondern weil es heilig war.
Weil Hilfe nicht laut ist.

Ein paar Wochen später ging mein Handy kaputt.
Einfach so.
Und sie hat mir eins gekauft.
Einfach so.

Ich habe es bis heute.


Es war eine dieser kleinen Episoden,
die mir im Gedächtnis geblieben ist –
vielleicht, weil sie so viel über uns sagte.

Und über mich.


Wir hatten einen Termin bei der Diakonie,
um ihre finanzielle Situation zu klären.

Um 9 Uhr sollten wir da sein.
Am Abend zuvor hatten wir alle Unterlagen sorgfältig durchgesehen.
Ich half ihr, sie in ihren Designer-Rucksack zu packen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns vor dem Gebäude –
und ich sah es sofort: Der Rucksack war nicht da.

„Ich dachte, den bringst du mit“, sagte sie.

Sie war sichtlich überfordert.
Und ich war erstaunlich ruhig.

„Fahr nach Hause, hol ihn. Ich fange hier schon mal an.“

Ich ging allein hinein, stellte uns vor – als Bruder und Schwester –
füllte erste Formulare aus.

Und tatsächlich:
Sie kam zurück.
Mit dem Rucksack.
Mit allem.

Und wir schafften es. Zusammen.

Damals dachte ich:
So fühlt sich Familie an.


Wir regelten, was zu regeln war:
Miete. Anträge. Briefe.

Ich war einfach da.
Kein großes Drama.
Keine Liebeserklärung.

Nur Präsenz.


In diesen Tagen ließ sie Nähe zu.
Echte Nähe.
Kein Spiel.
Keine Rollen.

Eines Abends, beim Spazierengehen, fror ich.
Ich hakte mich bei ihr unter.

Sie zog meine Hand zurück.
Und hakte sich bei mir ein.

Sie zog sich zurück.
Nicht grob.

Nur ein leiser Reflex.

Und ich wusste:
Die Nähe war vorbei.
Sie konnte nicht mehr.

Es war der Geburtstag meiner Frau.
Ich war ziemlich traurig,
machte aber meinen Job.

Ich ging wirklich gerne arbeiten.
Ich hatte einen tollen Meister,
der mich unterstützte
und mir sein Vertrauen schenkte.

Da war auch eine Kollegin,
die unglaublich herzlich war
und mir immer Mut zusprach.

Im Gegenzug arbeitete ich sehr hart
und war immer da, wenn man mich brauchte –
egal, ob es um Samstagsschichten ging
oder um Überstunden.


Beim Frühstück sagte mein Meister,
die Chefin wolle uns sprechen.

Wir sollten um 13:00 Uhr bei ihr sein.

Ich fragte, ob es Ärger geben würde.
Falls ja,
würde ich darum bitten,
das Gespräch ein anderes Mal zu führen.

Er meinte:

„Keine Sorge, es geht nur um die Stunden.“

Wir gingen zum Gespräch –
und ich war zuerst baff.
Dann kam die Wut.


Die Chefin unterstellte
meiner Mit-Auszubildenden und mir
Arbeitszeitbetrug.

Sie verlangte,
dass wir auf das nächste Weinfest gehen sollten,
um Minusstunden abzubauen.

Ich hätte angeblich 120 Minusstunden.

Ich sagte, ich möchte sofort meine Stunden sehen –
und dass es unmöglich sei,
eine solche Anzahl an Minusstunden anzuhäufen.

Sie sagte aufgrund meiner massiven Reaktion, das wäre Betriebsgeheimnis.

Meine Stunden?

Mein Meister warf ein,
dass die Stunden für die Berufsschule
noch nicht eingetragen seien.

Aber es war schon zu spät.

Sie hatte mich mit ihrem
plumpen Versuch, mich zu manipulieren,
getriggert.

Ich sagte ihr:

„Sie werfen mir hier gerade eine Straftat vor –
und das lasse ich mir auf keinen Fall gefallen.“

Teil VIII – Wo Respekt aufhört

Die Chefin war eine narzisstische Persönlichkeit der besonderen Art.
Soziologiestudium – später Quereinstieg in Gastro und Fleischerei.

Ein unberechenbares Temperament,
verpackt in professionellen Anspruch.
Ihr Lebensgefährte – BWLer – übernahm den Verkauf.
Er war tatsächlich gut.
Der Einzige, der Ruhe ausstrahlte.

Ihr Vater: der reichste Mann der Gegend.
Er hatte ihr das ganze Haus gekauft –
Fleischerei, Restaurant, Hotel.
Sie regierte es wie ein kleines Imperium.


Was nach außen wirkte wie Erfolg,
war innen blanke Willkür.

Sie schrie ihren Lebensgefährten
vor versammelter Mannschaft an,
kommandierte wie auf einem Kasernenhof.

Auch mir gegenüber wurde sie mehrmals ausfallend.
Erst leise Spitzen. Dann Wutausbrüche.
Dann diese Drohung mit den Minusstunden.

Ich versuchte, es auszuhalten.
Wegen der Prüfung.
Wegen des Teams.

Doch irgendwann konnte ich nicht mehr.


Ich ließ mich krankschreiben.
Sie schrieb mir auf WhatsApp.
Erst scheinbar freundlich. Dann fordernd.
Dann nervig.

Ich blockierte sie.
Überall.

Wenige Tage später kam der Herzinfarkt.

Der Rest ist Geschichte.

Teil IX – Als ich nicht mehr konnte

Es war irre schmerzhaft.
In der Schule lief alles gut.
Ich hatte ein super Zeugnis, war beliebt,
Klassensprecher.

Endlich das Gefühl: Ich krieg das hin.
Ich schaffe das.

Und dann –
die Chefin.

Dieser Machtkampf, dieses Spiel mit Kontrolle,
die plötzlichen Vorwürfe,
die Wutanfälle,
das Gaslighting.

Ich versuchte durchzuhalten.
Zu funktionieren.

Doch irgendwann ging es nicht mehr.


Mein Klassenlehrer war einer der wenigen,
die wirklich hinsahen.
Er gab mir den Tipp,
mich an die Handwerkskammer zu wenden.

Ich tat es.
Und ja – ich war stolz,
dass ich mich wehrte.
Dass ich für mich einstand.

Aber gleichzeitig
hatte ich das Gefühl zu versagen.


Am schlimmsten war für mich,
meine Sachbearbeiterin beim Jobcenter zu enttäuschen.

Sie hatte mir alles ermöglicht.
Die Maßnahme. Die Stelle. Die Wohnung.
Sie hatte mir geglaubt.

Und ich?
Ich lag flach.
Krankgeschrieben.
Ohne Perspektive.

Ich fühlte mich,
als hätte ich sie im Stich gelassen.
Obwohl ich selbst der war,
der im Stich gelassen wurde.


Und natürlich:
Wo war Nora?

Als ich sie brauchte?

Nirgendwo.

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