Prolog
Im Januar rief mich Aron an.
Er war nachts mit seinem Sohn im Krankenhaus gewesen – wegen eines Asthmaanfalls.
Unterwegs hatte ihn die Polizei rausgezogen. Er hatte getrunken. Natürlich. Aron eben.
Er sagte nur: „Ich hab denen gesagt, dass es ein Notfall ist.“
Sie ließen ihn einfach fahren. Kein Alkoholtest. Nichts.
Ich musste kurz lachen.
Typisch Aron.
Wenn andere untergehen, bleibt er ruhig – und macht einfach.
Er ist irre klug. Und hat ein Herz aus Gold.
Er erzählte mir, er hätte Tomi, der mein bester und zugleich schwierigster Freund war, in Begleitung meines großen Bruders getroffen.
Ich hatte seit einiger Zeit keinen Kontakt zu ihm, weil er gesagt hat, ich wäre ein Penner – das habe ich ihm übel genommen.
Ich fragte, was der Depp schon wieder angestellt hätte.
Er sagte, er sei von der Leiter gefallen und hätte vermutlich etwas in der Leistengegend gebrochen.
Ich war total entspannt, als ich ihn anrief, doch das sollte sich schneller ändern, als mir lieb war.
Ich rief Tomi an und fragte, was los sei.
Er berichtete, er hätte etwas an der Fassade gemacht, stand auf einer hohen Leiter und hatte seinen Hund an der Leiter angebunden.
Als eine Katze vorbeilief, wollte der Hund hinterher und riss die Leiter um – er sei dabei mit dem Becken auf die Leiter gefallen.
Ich fragte, wann das passiert sei. Er sagte: vor fünf Monaten.
Seit Kurzem könne er ganz schwer atmen und hätte wohl Wasser in der Lunge.
Auf die Wucht der Sirenen, die auf einmal ertönten, war ich nicht vorbereitet.
Innerhalb einer Sekunde verstand ich, was das bedeutete – mit all den Konsequenzen, all dem, was auf Tomi zukommen würde.
Ich war für einen Augenblick wieder mitten drin.
Ich verstand, wie schwach ich in Wirklichkeit noch war,
und ich merkte, wie ich automatisch wieder in diesen Modus umschaltete,
wo man einfach macht – egal wie schwierig das ist.
Ich stellte ihm ein paar Fragen, obwohl ich die Antworten bereits kannte.
Ich merkte, wie die Verzweiflung zurückkam.
Für einen Moment spürte ich wieder die Resignation und die Ohnmacht, als ich mich sagen hörte:
„Tomi, du hast Lungenkrebs.“
Ich erklärte ihm, was ein Pleuraerguss ist und dass sein Husten von gereizten Rezeptoren in der Lunge kommt.
Ich kannte das alles schon. So fing es bei meiner Frau auch an.
Ich sagte, dass ich das nicht noch einmal hautnah durchmachen könnte – ich hatte zu große Angst, alles zu verlieren, alles, was ich mir in drei Jahren mühsam aufgebaut hatte.
Ich spürte:
Wenn ich da jetzt reingehe, komme ich da vielleicht nie wieder raus.
Ich falle zurück in die Depression. Und diesmal vielleicht endgültig.
Er verstand das sofort und sagte, mein großer Bruder sei bei ihm und kümmere sich um ihn.
Ich war nicht besonders angetan davon, behielt es aber für mich.
Nach anfänglichen Selbstvorwürfen und einigen Gesprächen mit meiner Psychologin beschloss ich, mich herauszuhalten und bereitete mich auf die Maßnahme vor.
Ich musste mich ablenken. Irgendwie.
Hauptsache nicht wieder wegrutschen. Hauptsache im Hier bleiben.
Die Maßnahme beginnt
Die Maßnahme begann am 23. März 2023.
Ich war wie immer zu früh und stand draußen im Hof, rauchte eine Zigarette und wartete.
Da kam sie auf mich zu – klein, schwarz gekleidet, einer dieser überteuerten Designerrucksäcke auf dem Rücken, die kaum Stauraum bieten, aber irgendwie Eindruck machen sollen.
Sie siezte mich, als sie fragte, wo die Maßnahme stattfindet und in welcher Etage das Ganze sei.
Ich war nicht beeindruckt – sie war höflich, aber reserviert.
Sie sah übernächtigt aus, und ich dachte:
Wer morgens scheiße aussieht, hat ’ne geile Nacht gehabt.
Aber später sagte sie Csaba. Dann Csabi.
Ich ließ das zu.
Damals war das für mich Nähe.
Heute weiß ich:
Das war der Moment, in dem ich mich in eine Rolle drängen ließ, die nicht mir gehörte.
Sie machte daraus eine Bruder-Schwester-Beziehung.
Und ich spielte mit.
Ich vergaß, dass ich ein erwachsener Mann war – mit erwachsenen Bedürfnissen.
Und in genau dieser Sekunde nahm ich mir selbst das Recht, anders zu fühlen.
Ein riesiger Fehler.
Ich spüre ihn bis heute – durch meine Co-Abhängigkeit.
Teil II – Erste Gespräche mit Nora
Die ersten Begegnungen
Was mir auffiel, waren ihre unglaublich dichten Haare – wunderschön.
Oben angekommen, fragte sie nach dem Klo. Ich wusste es auch nicht, versuchte aber sofort zu helfen – was ihr sichtlich auf die Nerven ging.
Es schien ihr unangenehm gewesen zu sein, was ich verstand – trotzdem musste ich schmunzeln.
Es war die erste echte Reaktion von ihr, die mir auffiel.
Die Maßnahme begann mit einem Blatt Papier – sechs Fragen. Eine davon:
„Was denken Sie gerade?“
Der Kursleiter fragte, ob ich fertig sei – was ich mit einem „mit den Nerven“ beantwortete.
Alle lachten, auch Nora. Ich konnte nicht anders – ab da an fing ich an, Witze zu machen.
Ich hatte so lange nichts zu lachen gehabt – ich genoss es einfach.
Ich schrieb: „Endlich geht’s los.“
Das wurde laut vorgelesen.
Es gab Steilvorlagen ohne Ende.
Ich achtete auf Grenzen, stellte niemanden bloß – und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurde ich schnell beliebt.
Viele waren jünger, unsicherer oder hatten wenig Erfahrung mit dem Leben da draußen.
Ich übernahm die Gruppe fast automatisch. Leute kamen auf mich zu, baten um Hilfe.
Ich erklärte, moderierte, wurde sogar einmal offiziell Kursleiter für eine Einheit.
Es machte Spaß.
Es war mein Ding.
Nora war auch da.
Und sie lachte jedes Mal, wenn ich einen rausgehauen hatte.
In den Pausen unterhielten wir uns im Hof.
Ich merkte, dass sie verschlossener war als andere.
Sie hörte zu. Beobachtete. Sagte wenig.
Ich dachte mir nichts dabei.
Es tat gut, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben.
Ich lernte wirklich viel in der Zeit – u. a. zum Thema Zielsetzung und das SMART-System.
Meine Psychologin und die systemische Beratung besuchte ich weiterhin.
Es zeichnete sich langsam ab, dass ich bald keine externe Hilfe mehr benötigte.
Nach der Messe
Ein paar Wochen später waren wir gemeinsam auf einer Messe.
Nach der Messe warteten Nora und ich auf den Bus. Wir unterhielten uns.
Ich sprach offen über mein Leben, meine Situation.
Und sie hörte einfach zu.
Ohne Kommentare, ohne Tipps – einfach nur präsent.
Das tat gut.
Ich bedankte mich dafür, mich öffnen zu dürfen – außerhalb von Therapie, ohne professionelle Maske.
Da fiel mir zum ersten Mal auf, wie ruhig ich in ihrer Nähe geworden war.
Ich brachte das aber mit der Erleichterung in Verbindung, mal außerhalb der Therapie darüber reden zu können.
Systemische Beratung und Messeerlebnis
Die Zeit verging wie im Fluge.
Ich lernte viel und brachte mich ein.
Neben der Maßnahme kümmerte ich mich um viele andere Dinge, die zu erledigen waren und wichtig für einen Neustart waren.
Die Schuldnerberatung war so ein Thema, das ich endlich angehen konnte.
Ich hatte wochenlang Papiere sortiert und einen Ordner zusammengestellt, sodass es auch in dieser Hinsicht endlich losgehen konnte.
Ich war das erste Mal seit Langem wieder optimistisch.
Die nächste Messe zum Thema Berufe stand an – und wir bekamen nun Gelegenheit, das Erlernte in die Tat umzusetzen.
Wir sollten Vorstellungsgespräche üben und uns informieren.
Das war nicht schwer – das hatten wir ja die ganze letzte Zeit geübt.
Als Selbständiger musste ich lernen, meine Leistungen zu verkaufen – das kam mir nun zugute.
Ich war selbstverständlich mit Nora unterwegs – es schien das Normalste auf der Welt zu sein.
Ich führte reale Vorstellungsgespräche mit echten Chefs – vier von fünf hätten mich trotz meines Alters genommen,
was natürlich auch dem Mangel an Auszubildenden geschuldet war – darunter ein Fleischerbetrieb.
Danach halfen wir den anderen.
Das machte Spaß.
Ich wollte auch für Nora etwas finden.
Sie wusste selbst nicht, in welche Richtung sie gehen wollte.
Ernährungsbereich war ein Thema, Controlling ein anderes.
Ich erzählte ihr von der systemischen Beratung.
Sie hatte eine scharfe Beobachtungsgabe, konnte Menschen gut einschätzen, hatte ausgeprägte analytische Fähigkeiten.
Ich fragte sie, ob das nicht etwas für sie sei.
Sie war begeistert.
Wir gingen gemeinsam zu den Ständen im sozialen Bereich.
An einem Stand saßen vier Leute, die dort arbeiteten und sich unterhielten.
Eine Frau stand auf und kam auf uns zu.
Wir stellten viele Fragen – und Nora taute plötzlich auf.
Ihre Fragen waren stark, überlegt, klar.
Ich war beeindruckt – und ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz.
Doch kaum waren wir draußen, fing sie an zu schimpfen:
Was das solle – dass Leute auf einer Messe einfach sitzen.
Ich nannte sie „Meckerliese“ und fragte, ob sie mit vier Leuten gleichzeitig hätte sprechen können.
Ich nahm es mit Humor –
aber innerlich machte ich mir eine Notiz:
Erstes Warnsignal.
Teil II – Die ersten Grenzverschiebungen
Eine Beschreibung, die traf
Zurück in der Maßnahme sollten wir uns gegenseitig mit einem Satz beschreiben – eine Charaktereigenschaft.
Die Sätze wurden vorgelesen. In meinem Fall:
„Nimmt jeden mit.“
Ich wusste sofort, das kam von Nora.
Und ich war zutiefst zornig.
Das fiel sofort auf – auch Nora staunte.
Ich wollte das nicht mehr sein.
Meine Frau war tot.
Ich war allein.
Ich hatte niemanden mehr zu tragen.
Ich sagte es ihr direkt:
Das mag früher gestimmt haben – heute nicht mehr.
Ich stellte auch klar, dass ich nicht in dieser Maßnahme war, um Freunde zu finden.
Es dauerte Stunden, bis ich wieder im Normalzustand war –
warum, sollte ich erst viel später verstehen.
Der Druck steigt
Gleichzeitig war da Tomi. Mein bester Freund.
Er brauchte Hilfe. Ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen, weil ich so lange gezögert hatte.
Ich fuhr ins Krankenhaus, machte den Corona-Test und fragte an der Rezeption, wie ich zu ihm kommen würde.
Die endlos scheinenden Krankenhausflure mit ihrem linoleumartigen Boden schluckten meine Schritte.
Der beißende Geruch von Desinfektionsmittel stach in meiner Nase
und katapultierte mich zurück in eine Zeit voller Angst und Ungewissheit.
Nur dass es diesmal nicht um ein Familienmitglied ging –
sondern um meinen besten Freund.
Ein schwaches Lächeln huschte über Tomis blasses Gesicht, als er mich sah.
Seine Augen leuchteten kurz auf, ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Er freute sich sichtlich, mich zu sehen –
und mein großer Bruder, mit dem ich eigentlich keinen Kontakt mehr haben wollte, freute sich auch.
Ich versuchte, einen Arzt aufzutreiben, fand aber keinen, der aktuell Zeit hatte.
Wir besprachen einen Termin für den nächsten Tag um 16.00 Uhr.
Ich blieb noch ein bisschen und beruhigte ihn.
Ihn so zu sehen, riss alte Wunden auf –
und ich hatte wieder dieses Ohnmachtsgefühl.
Und die Angst kam auch wieder.
Das war sehr belastend.
Ich verabschiedete mich von ihm und fuhr nach Hause.
Ich hatte Hunger und war müde.
Am nächsten Tag ging es wieder zu der Maßnahme.
Dort konnte ich mich ablenken.
Und da war auch Nora.
Die Maßnahme machte mir richtig Spaß
Ich konnte dort positive Energie tanken –
Energie, die ich noch dringend brauchen würde.
Um 16 Uhr fand der Termin statt.
Ich stellte Peter im Vorfeld viele Fragen.
Vor allem seine Schmerzsituation belastete ihn sehr stark
und raubte ihm viel Kraft –
Kraft, die er brauchte, um zu kämpfen.
Die Ärztin, die das Gespräch leitete, war noch jung,
aber sehr engagiert.
Sie versuchte, Ruhe auszustrahlen,
war aber ein bisschen unruhig.
Ich nahm an, es lag daran,
dass sie gerade mit drei Männern sprach.
Was ich nicht wusste:
Man hatte mich angekündigt –
als jemanden, der sich mit Lungenkrebs auskennt.
Das schien sie ein wenig verunsichert zu haben.
Ich stellte mich als Peters Bruder vor.
Das war nötig – bei Familienmitgliedern können
sie das Gespräch nicht so einfach abbrechen,
wenn sie sich auf den Schlips getreten fühlen.
Wir sahen uns sehr ähnlich
und wurden schon öfter gefragt,
ob wir wirklich Brüder seien.
Dann fing ich an, Fragen zu stellen:
„Haben wir schon ein Stadium?“
„Gibt es einen pathologischen Befund?“
Sie sagte, es gäbe noch kein Stadium
und der pathologische Befund sei auch noch nicht da.
Das verwunderte mich sehr – bei meiner Frau ging das viel schneller.
Ich hakte nach.
Sie sagte, der Krebs sei auf dem Knochen,
aber es gäbe noch keine Fernmetastasen.
Das glaubte ich nicht.
„Wurde ein PET-CT gemacht?“ – „Nein.“
„Warum nicht?“ – „Keine Notwendigkeit.“
Das bedeutete für mich, dass die Sache schon so schlecht stand,
dass sich ein PET-CT nicht mehr gelohnt hatte.
Da sagte ich ihr direkt ins Gesicht,
dass ich ihr nicht glaube.
Und dass ich auch nicht glaube,
dass es keine Fernmetastasen gäbe.
Damit war es eigentlich klar:
Stadium 4 – Palliativ.
Peter und das Gespräch
Peter verstand Ungarisch besser als Deutsch,
also erklärte ich es ihm.
Ohne zu beschönigen,
ohne zu dramatisieren.
Wozu auch?
Peter kannte meine Frau sehr gut
und hatte damals alles mitbekommen – auch das Ende.
Es gab eine kurze Pause.
Ich fragte ihn, ob wir ein anderes Mal weitermachen sollten.
Er sagte nein.
Er wolle die Wahrheit – jetzt.
Wir machten mit dem Pleuraerguss weiter.
Ich fragte, ob man versucht habe, ihn zu verkleben.
Da fragte die Ärztin mich:
„Sind Sie Arzt?“
Ich erklärte die Situation.
Sie zeigte sich beeindruckt.
Grenze erreicht
Innerlich war ich längst wieder am Limit.
Ich war wütend.
Nicht auf sie.
Nicht mal auf Peter.
Sondern auf dieses System,
das dir alles erzählt –
bloß nicht die Wahrheit.
Erst wenn du den Arztbrief bekommst,
merkst du, was wirklich los ist.
Und dann fragst du dich,
warum sie dir das nicht einfach vorher gesagt haben.
Ich hasste das.
Und ich hasste,
dass ich schon wieder in dieser Rolle steckte.
Der, der fragt.
Der, der übersetzt.
Der, der es aushalten muss.
Dabei wollte ich das doch nie wieder sein.
Ich sprach seine Schmerzsituation an
und bat sie, eine entsprechende Therapie einzuleiten
und ihm auch etwas zum Schlafen zu verschreiben.
Sie erklärte, dass das verschiedene Abteilungen innerhalb der Station betreffen würde,
versprach aber, sich darum zu kümmern.
Sie bedankte sich bei mir, dass ich mich um meinen eigenen Bruder kümmern würde
und betonte, wie wichtig es ist, dass ein Familienmitglied mit Ahnung Tomi begleitet.
Sie fragte, ob ich noch ein bisschen bleiben würde,
sie müsse mit dem Strahlentherapeuten sprechen – was ich natürlich bejahte.
Sie kam etwa eine Stunde später ins Zimmer
und sagte, dass in zwei Tagen ein Gespräch mit dem Strahlentherapeuten stattfinden würde
und bat mich, anwesend zu sein.
Ich sagte zu –
und ahnte noch nicht, was da auf uns zukommen würde.
Rückzug und Nähe
Nach einer etwas unruhigen Nacht – trotz Schlafmittel –
freute ich mich auf die Maßnahme.
Sie war mittlerweile viel mehr für mich geworden.
Ein sicherer Ort.
Ein kleines Stück Alltag.
Auch dank Nora.
Später gingen wir spazieren.
Sie erzählte mir, dass sie sich von ihrem Freund trennen wollte
und dass es deswegen gerade auch für sie nicht so einfach war,
da er sehr hartnäckig sei und immer wieder auftauche.
Sie würde es aber schon schaffen, sie plane das schon länger.
Ich dachte: Okay.
Es fiel mir auf, wie ruhig ich in ihrer Gegenwart war –
was mich nicht mehr wunderte.
Da war irgendetwas.
Ich konnte es nicht genau beschreiben.
Aber es half mir.
Ich fühlte mich gut.
Also konnte es nicht falsch sein.
Das Treffen endete mit der ersten Umarmung –
an der Straßenbahnhaltestelle.
Nicht verkrampft. Nicht gezwungen.
Es war die normalste Sache auf der Welt geworden.
Und doch:
Etwas hatte sich verändert.
Ich ging nach Hause, telefonierte noch mit Tomi –
und ging dann schlafen.
Am nächsten Tag ging ich früher von der Maßnahme,
da der Termin mit dem Strahlentherapeuten anstand.
Tomi ging es nicht so gut,
er bekam nicht genug Schmerzmittel,
ich versprach, mich darum zu kümmern
und wurde langsam wütend.
Die niederschmetternde Diagnose
Das Gespräch mit dem Strahlentherapeuten war kurz, aber intensiv.
Er sagte, es würde nicht gut aussehen.
Tomi fragte, wie das gemeint sei – ob er sterben müsse.
Der Therapeut sagte, er hätte vielleicht noch drei Monate zu leben.
Irgendetwas in Tomi brach in diesem Moment zusammen.
Er wurde ganz grau im Gesicht.
Ich fragte, ob es schon einmal vorgekommen ist,
dass er sich getäuscht hätte.
Es fiel ihm sichtlich schwer, dieses Gespräch zu führen,
und er verlor die emotionale Kontrolle.
Er sagte, er mache diesen Job jetzt über 20 Jahre –
und hätte sich noch nie geirrt.
Dann sagte er, es tue ihm leid –
und ging.
Sprachlosigkeit
Wir saßen noch ein bisschen in dem Raum
und brachten kein einziges Wort raus.
Auf dem Weg zur Station musste ich Tomi stützen.
Ich sagte, er dürfe sich jetzt nicht aufgeben,
wir hätten einen Plan B:
die experimentelle Immuntherapie.
Ich redete stundenlang auf ihn ein.
Er fragte ständig, wer sich jetzt um seinen Hund kümmern sollte.
Ich wusste es nicht.
Die Nacht mit den Tränen
Als ich wieder zuhause war, rief mich Tomi an.
Er sollte auf eine andere Station verlegt werden – wahrscheinlich die Sterbestation.
Ich sagte:
Nein, das sei ein normaler Vorgang.
Jeder wechselt nach der Begutachtung die Station.
In dieser Nacht schlief ich nicht.
Es war wieder eine Reise in die Vergangenheit.
Alles kam wieder hoch.
Ich weinte die ganze Nacht
und fragte meine Frau, wie sie ohne mich gehen konnte.
Am nächsten Tag
Ich ging wieder zur Maßnahme.
Es fiel allen auf, dass ich ruhig war und keine Witze machte.
Ich sagte, ich hätte Zahnschmerzen.
Nora wusste natürlich, dass das nicht stimmte.
Sie kümmerte sich um mich auf ihre Art,
die ich nicht beschreiben kann –
aber ich fühlte mich besser, als ich zu Tomi ging.
Tomi verändert
Er war in dieser Nacht ein alter Mann geworden.
Apathisch. Und er hatte wahnsinnige Schmerzen.
Ich ließ nach dem Oberarzt rufen
und fragte wütend,
warum Tomi keine adäquate Schmerzbehandlung bekam.
Der Oberarzt entschuldigte sich.
Er sagte, die Schwester habe wohl seine Anweisung nicht verstanden.
Hoffnung und Chemotherapie
Ich bat ihn, die Dosierung anzupassen.
Wir hätten noch nicht aufgegeben.
Dann sagte der Arzt etwas, das ich nicht verstand:
Er wollte Cisplatin geben – eine Chemotherapie.
In dem Stadium noch eine Chemo?
Ich erklärte Tomi,
dass die Chemo Zellen angreift, die sich schnell teilen –
und dass das was Gutes sei.
Ich erklärte ihm alles, was auf ihn zukommt:
Haarverlust, Fatigue, Depression, Zeitgewinn.
Ich ging an diesem Tag etwas früher –
ich wollte Nora treffen.
Ein Besuch mit Nachgeschmack
Sie hatte einen Job in einem Imbiss gefunden.
Ich besuchte sie, aß etwas
und war angetan –
sie war fleißig, putzte die ganze Zeit.
Man sah ihr an,
dass es ihr Spaß machte, etwas zu tun.
Ein paar Tage später waren wir verabredet,
sie wollte jemanden mitbringen –
einen Polen, den sie schon ein paar Jahre kannte
und den sie sehr gerne mochte.
Ich freute mich auf die Möglichkeit,
meine Polnischkenntnisse wieder ein bisschen aufzufrischen.
Doch:
Da war eine Distanz zwischen ihnen.
Eine, die es bei uns nicht gab.
Etwas war anders
Ich fühlte mich offen, präsent.
Bei ihm spürte ich etwas wie Berührungsängste, Eifersucht.
Vielleicht bildete ich mir das ein – vielleicht auch nicht.
Aber mir wurde klar: Zwischen Nora und mir war es viel intensiver,
und wir kannten uns erst seit Kurzem.
In dieser Zeit sprachen wir über Dinge,
die ich nicht einmal meiner verstorbenen Frau erzählt hatte.
Was mich wunderte: Sie hatte keine engen Freundschaften.
Nur Bekannte.
Der erste Bruch
Doch genau in dieser Offenheit passierte es zum ersten Mal:
Sie unterbrach mich mitten im Satz.
„Hast du gerade gesagt…?“
Sie wiederholte etwas – völlig aus dem Zusammenhang gerissen.
Ich verneinte. Wiederholte, was ich tatsächlich gesagt hatte.
Ich spürte ihre innere Anspannung.
Ich fragte, ob alles in Ordnung sei.
Keine Antwort. Nur ein Blick. Dann Stille.
Nacht, Schmerz, Entscheidung
Ich ging mit einem komischen Gefühl nach Hause.
Ich war müde, nahm mein Zopiklon und schlief schnell ein.
Nachts um drei Uhr: Tomi rief an.
Er weinte – vor Schmerz.
Der Krebs war in den Knochen und bildete neues Gewebe,
was natürlich einen irren Druck auslöste.
Ich verdrängte den Gedanken, was irgendwann einmal passieren würde.
Ich sagte, er solle mir sofort die Nachtschwester geben.
Sie war nett, aber bestimmend:
Es gäbe nur die definierte Höchstdosis.
Ich versprach Tomi, wir würden in ein anderes Krankenhaus gehen.
Ich ging nicht zur Maßnahme, sondern direkt zu ihm.
Eskalation mit dem Oberarzt
Ich gab im Schwesternzimmer Bescheid,
dass ich meinen Bruder mitnehme,
und bat, dem Arzt Bescheid zu geben.
Er solle den Arztbrief schreiben.
Der Oberarzt kam und fragte,
ob ich noch einen Moment Zeit hätte –
er würde gerne mit mir sprechen.
Er wurde laut
und schob alles auf die Schwester,
versuchte mich für die Situation verantwortlich zu machen
und sagte, ich hätte kein Verantwortungsbewusstsein –
bis ich schließlich explodierte.
Borderline kann diese unglaublich starken Emotionen auslösen.
Er bekam richtig Angst.
Ich hatte keinen Respekt vor seinem weißen Kittel.
Als ich wieder ruhig war,
stammelte er dann nur noch:
„Was soll ich in meinen Bericht schreiben, wie soll ich das begründen,
dass Sie einen sterbenskranken Mann von meiner Station mitnehmen?“
Ich sagte:
„Schreiben Sie die Wahrheit.
Sie haben einem sterbenskranken Privatpatienten die Schmerzmedikation verweigert,
und die Familie sah sich daraufhin genötigt, ihn in bessere Hände zu geben.“
Ich musste noch kurz aufs Klo und ging dann zu Tomi.
Der Moment der Entgleisung
Ich hörte den Oberarzt schon von Weitem schreien.
Er ließ seinen Frust wirklich an Tomi aus.
Ich warf ihn raus.
Ich schrie ihn an:
Ein elendes Schwein, das seinen Frust an einem Sterbenskranken ausließ.
Ich sagte:
Ärzte wie er würden heute aus Fenstern fliegen wie russische Bankdirektoren –
und ich würde das zutiefst begrüßen.
Die Zeit der Götter in Weiß sei vorbei.
Viele Leute bekamen das mit.
Ich gab einem Pfleger ein bisschen Geld –
er hatte sich echt rührend um Tomi gekümmert.
Das war ungarische Tradition.
Er sagte mir leise:
„Das passiert leider öfter.“
Der Wechsel
Der Arztbrief kam – überbracht vom Pfleger.
Ich packte Tomi und wir fuhren zum Onkologen.
Ich dachte, ich bräuchte einen neuen Überweisungsschein ins neue Krankenhaus.
Tomi wartete im Auto –
da ich eine Vollmacht und eine Patientenverfügung hatte,
konnte ich die Sache auch ohne ihn erledigen.
Ich sprach das Thema experimentelle Immuntherapie erneut an.
Er sagte, solange er nicht schriftlich habe,
dass es Tomi wesentlich schlechter ging,
wäre er nicht bereit, seine Kontakte spielen zu lassen.
Den lautstarken Einwand,
dass der Strahlentherapeut ihm noch drei Monate gab,
wischte er beiseite und ging.
Ich fragte die Sprechstundenhilfe nach einem Überweisungsschein.
Sie klärte mich auf, dass er als Privatpatient keinen benötigen würde.
So viel Zeit war vergangen,
Tomi saß mit Schmerzen im Auto,
und ich stritt hier mit einem Arschloch von Arzt rum,
der schon bei meiner Frau seinen wahren Charakter offenbarte.
Ich machte mir schlimme Vorwürfe
und beeilte mich, zu Tomi zu gehen.
Wir fuhren ins Krankenhaus, das auch gleichzeitig Cancer Center war.
Es war das größte Krankenhaus in der Stadt.
Meine Frau war hier zur Behandlung –
ich kannte mich hier sehr gut aus
und wusste über die Modalitäten bestens Bescheid.
Die Aufnahme dauerte Stunden.
Tomi schlief öfters auf der Couch ein –
ich kümmerte mich um alles.
Er bekam ein Einzelzimmer.
Die Ärztin veranlasste, dass er eine Schmerzpumpe bekam –
das heißt, er bekam jetzt fortlaufend Schmerzmittel.
Er weinte – und dankte mir immer wieder.
Ich sagte:
„Nicht danken – kämpfen!“
Der Rückschlag mit Nora
Auf dem Nachhauseweg rief ich Nora an.
Ich klagte mein Leid – doch sie war seltsam.
Sie hatte Rückenschmerzen.
Hatte auf eBay Kleinanzeigen einen Masseur gefunden.
4 0 Euro. Er käme um 20 Uhr.
Ich verstand die Welt nicht mehr.
Ich fragte, ob es kein Problem sei,
sich vor einem fremden Mann zu entblößen.
Misstrauen und Enttäuschung
Sie versprach, anzurufen, wenn der Masseur weg sei.
Um 22 Uhr rief ich das erste Mal an,
bis 23 Uhr rief ich fünfmal an.
Keine Reaktion.
Nach einer Weile ging jedes Mal der AB an.
Ich zog mich an – wollte losgehen.
Da rief sie zurück.
Alles sei in Ordnung.
Ich war stinksauer.
Sie entschuldigte sich.
Ich verstand das nicht – noch nicht.
Abstand
In der Maßnahme hielt ich Abstand zu ihr.
Ich fragte mich: Wie kann sie mich in meiner Situation noch zusätzlich belasten?
Sie fragte, ob ich reden wolle.
Ich verneinte.
Lichtblick
Tomi rief an.
Seine Nichte und sein Neffe aus Ungarn waren da.
Es ging ihm besser.
Er sagte: „Nimm dir ein paar Tage Urlaub.“
Ich freute mich für ihn und war das erste Mal seit längerer Zeit wieder zufrieden.
Ich rief Nora an und bat um ein Gespräch.
Wir verabredeten uns bei ihr und gingen spazieren.
Ich sagte ihr, ich würde die Beziehung zu ihr lieber beenden,
ich könne mir in meiner jetzigen Situation keinen zusätzlichen Stress leisten
und sagte ihr auch klipp und klar, was ich von dieser Aktion hielt.
Sie war erstaunt und sagte, dass es ihr leid tun würde
und dass sie das für maßlos überzogen halte.
Ich ließ mich überzeugen – und wir machten weiter,
als wäre nichts gewesen.
Ich hatte die nächste Zeit so ein komisches Gefühl,
es fühlte sich an, als hätte ich einen Teil meiner Männlichkeit verloren.
Es sollte nicht lange dauern, bis das nächste Thema anfing.
Wieder:
„Bátya, hast du gerade gesagt…?“ – Nein, habe ich nicht.
Zensurversuch
Am nächsten Tag gingen wir bei Nora spazieren.
Sie sagte mir, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr sagen dürfe.
Ich fragte sie, ob sie mich zensieren wolle.
Denn das – so sagte ich ihr –
würde gegen alles gehen, was mir wichtig ist.
Ich habe nicht immer recht.
Aber ich sage, was auf meinem Herzen liegt.
Alles andere macht Bauchweh.
Dann kam das erste kleine Ghosting.
Kein offener Streit. Keine klare Ansage.
Einfach nur: Rückzug.
Und ich merkte, dass es mich mehr belastete, als ich zugeben wollte.
Ich spürte, dass sich etwas verschob in mir.
Ich fing an, mich zu hinterfragen.
Und dann tat ich etwas, was mir eigentlich fremd ist:
Ich setzte mich mit ihr hin – und sprach es aus.
Ich sagte, dass ich das lieber beenden wolle.
Dass sich da eine Dynamik entwickelt hatte, die ungesund war.
Die mich belastete.
Die mir auf meinem Weg nicht guttat.
Ich könne das nicht zulassen –
nicht jetzt, wo ich gerade erst wieder anfange, im Leben zu stehen
und wo Tomi mich brauchte.
Ich verstand nicht,
dass es einfach nur darum ging, Grenzen auszutesten.
Sie sagte nur, das sei nicht korrekt. Und dass sie das nicht wolle.
Also machten wir weiter.
Gegen mein Bauchgefühl.
Tomi, die Maßnahme, sie –
es wurde zu einer Belastungsprobe.
Und wieder – wie so oft in meinem Leben –
ignorierte ich die Warnsignale.
Tomi kommt nach Hause
Es vergingen ein paar Tage, in denen nichts Schlimmes passierte.
Tomi ging es wesentlich besser,
und der Arzt sagte, er könne nun nach Hause gehen,
die Chemo würde extern gegeben.
Tomi freute sich –
er konnte endlich seinen Hund sehen.
Ich holte ihn ab und wollte ihn nach Hause fahren,
aber er wollte zur Bank und auf die Baustelle,
nach seinen Mitarbeitern sehen.
Mein großer Bruder leitete nun die Baustellen und kümmerte sich um alles.
Geld kam rein, die Sachen waren bezahlt – das war echt wichtig.
Ich spürte so etwas wie Dankbarkeit gegenüber meinem großen Bruder –
und das, obwohl er nichts für mich tat.
Als wir bei Tomi ankamen, war er schon richtig erschöpft.
Er legte sich hin.
Ich fing an, die Wohnung aufzuräumen und zu putzen,
legte seine Buchhaltung zurecht und wartete, bis er aufwachte.
Er bat mich, mit seinem Hund rauszugehen –
was ich nur zu gerne tat.
So bekam ich den Kopf frei.
Ich musste mich um eine Pflegekraft wegen des Pleuraergusses kümmern,
und ich rief die Frau an,
die sich schon um meine Frau gekümmert hatte.
Sie versprach, am nächsten Morgen vorbeizukommen
und sich seiner anzunehmen.
Ein Moment der Dankbarkeit
Ich verspürte so etwas wie Zufriedenheit
und ging zurück zu Tomi.
Er war nicht allein – ein Freund war bei ihm,
und er gab ihm eine Menge Geld.
Ich fragte: „Wofür?“
Er sagte: „Für meine Beerdigung.“
Das tat ziemlich weh –
aber es zeigte, wie er wirklich war.
Er hasste unerledigte Sachen,
und es war eigentlich logisch,
dass er seiner Mutter das Geld schickte,
damit sie seine Beerdigung bezahlen konnte.
Er konnte seine Mutter eigentlich genauso wenig leiden wie ich meine –
aber er war halt sehr korrekt.
Beginn der Chemo
Am nächsten Tag kam die Pflegerin,
pumpte die Flüssigkeit aus der Lunge mit einem Vakuumbeutel ab
und vereinbarte die nächsten Termine.
Wir gingen jetzt das erste Mal zum Onkologen.
Er bemerkte, dass die Blutwerte sehr gut seien
und dass Tomi nicht aufgeben solle.
Die Chemo begann.
Ich ging nach Hause, aß etwas
und telefonierte mit Nora.
Es war wie früher –
und es gab mir Kraft.
Später holte ich Tomi ab –
er wollte zu einem Notar und sein Testament regeln.
Er hatte zwei Häuser mit Grundstück in Ungarn,
ein Boot – und wollte, dass alles geregelt sei.
Es wurde festgehalten,
dass seine Nichte sich um den Hund kümmern sollte.
Dafür sollte sie das Haus auf der Insel bekommen.
Es tat unglaublich weh, das zu realisieren.
Ich war stolz auf ihn –
und auch beeindruckt.
Kiffen, Whisky und Veganismus
Am nächsten Tag ging ich nach der Maßnahme zu ihm
und roch Marihuana.
Ich fragte ihn, ob er kiffe.
Er sagte ja.
Mich störte es – mal abgesehen vom Geruch – überhaupt nicht.
Aber als er dann zum Whisky griff,
schritt ich ein
und sagte ihm, dass er seinen Körper nicht zusätzlich belasten dürfe.
Und außerdem solle er endlich was Gescheites essen.
Da sagte er etwas, was mich zutiefst getroffen hat:
„Ich will den Krebs aushungern – ich ernähre mich jetzt ausschließlich vegan.“
Ich sagte ihm dasselbe, was ich meiner Frau gesagt hatte:
Er müsse bei Kräften bleiben
und dass es keine Belege gibt, dass so etwas helfen würde.
Ich machte mir in den nächsten Tagen klar,
dass es sein Leben ist
und dass ich da keinen Druck ausüben dürfe.
Es war sein Kampf.
Und er musste ihn so kämpfen, wie er dachte, dass es richtig sei.
Ich beschloss, mich zurückzuhalten
und einfach nur da zu sein, wenn er mich brauchte.
Ich lernte, was „Sterbebegleitung“ bedeutet:
Ihn zu begleiten – ohne ihm reinzureden.
Das tat so verdammt weh …
Teil III – Die emotionale Schieflage
Langsam entwickelte sich so etwas wie ein Tagesrhythmus.
Das war eine wunderschöne Erkenntnis für mich.
Über Jahre hatte ich keine Struktur mehr gekannt.
Jetzt gab es wieder Kontinuität, Verlässlichkeit,
sogar eine gewisse Ruhe.
Die ersten schriftlichen Tests kamen.
Ich lernte, wann immer ich konnte.
Versagen liegt mir nicht.
Ich ziehe durch.
Aber es wurde schwieriger.
Nora und ich verstanden uns in dieser Phase wieder gut –
als wäre nichts gewesen.
Sie erzählte mir, sie hätte große Probleme mit ihrem Chef,
der ihr die Abrechnung nicht geben wollte
und sagte, sie solle bei seinem Steuerberater anrufen
und sich selbst darum kümmern.
Ich fragte nach seiner Telefonnummer und rief ihn an.
Ich machte klar, dass ich nicht noch einmal anrufen würde –
er solle sich gefälligst um die Angelegenheit kümmern.
Was er dann auch tat.
Nora gefiel es – warum, verstand ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
Macht in den falschen Händen kann schlimme Dinge auslösen.
Und wenn jemand so ein williges Werkzeug war wie ich –
war das schlimm. Einfach so.
Der Todestag rückt näher
Es war eine emotionale Zeit.
Ich bereitete mich innerlich auf den Todestag meiner Frau vor.
Ich hatte Angst, zurückzufallen –
in die Depression, in dieses dunkle Loch,
das mich so oft schon verschluckt hatte.
Und gleichzeitig zeichnete sich ab,
dass Tomi nicht mehr lange leben würde.
Er veränderte sich.
Wurde laut. Fordernd. Bösartig.
Genau wie meine Frau.
Mir fielen wieder die fünf Phasen des Sterbens und der Trauer ein.
Er terrorisierte alles, was ihm nahe kam –
bis auf mich.
Wenn ich da war, war er ruhig.
Es tat weh, ihn so zu sehen
und löste in mir wieder dieses Ohnmachtsgefühl aus.
Ich blieb ruhig.
Ich sagte mir:
„Aufgeben ist eine Option, die ich nicht habe.“
Meine Frau hatte alles durchgezogen –
mit Pleuraerguss, Thrombose, Schmerzen, Schwäche.
Da würde ich wegen so einem Pipifax nicht schlappmachen.
Dann kam der Tag …
Tommi geht zurück ins Krankenhaus
Tommi ging es schlecht, und er musste zurück ins Krankenhaus.
Diesmal kam er auf die Palliativstation, die nichts anderes war als ein Hospiz.
Ich ging zu seinem Onkologen und sagte ihm, es sei höchste Zeit, Plan B in die Tat umzusetzen.
Er sagte, er sehe das anders.
Ich wurde laut und schrie ihn an,
dass er das bei meiner Frau auch getan hätte,
und sie sei ohne den Versuch gestorben –
und dass ich das bei Tommi nicht zulassen würde.
Er bat mich zu gehen – seine Patienten hatten das mitbekommen.
Ich ging – und wollte nicht mehr leben.
Ich hatte genug.
Ich sah nicht mehr ein, nur noch zu leiden.
Nachdem ich mich beruhigt hatte, suchte ich die Nummer der Universität heraus und rief an.
Die Frage, ob mein Bruder privat versichert sei, machte mich glücklich.
Sie erklärte mir, was zu tun sei
und dass ich alles online einreichen müsse.
Sie werde sich melden.
Ich fühlte mich gut
und verfluchte diesen Onkologen,
der mir wissentlich diese Information vorenthalten hatte.
Letzte Hoffnung, wenig Zeit
Ich ging zu Tommi und sagte ihm:
„Plan B läuft.“
Er sah mich an –
hatte aber keine Hoffnung mehr.
Die Ärztin bat mich um ein Gespräch – ohne Tommi.
Sie sagte, dass er mehr Flüssigkeit durch den Pleuraerguss verlieren würde,
als er aufnehmen könne,
und dass sie damit rechne, dass bald die Nieren versagen würden.
Dann würde die Leber folgen –
und dann wäre es vorbei.
Konflikt mit der Mutter
Seine Mutter kam aus Ungarn zu Besuch.
Ich unterstützte sie, wo ich konnte.
Sie war eine alte Frau, die ihren Sohn verlor.
Als ich am nächsten Tag kam, wirkte sie sehr verschlossen und böse.
Ich fragte, was vorgefallen sei,
und sie antwortete mir, mein großer Bruder sei bei ihr gewesen
und hätte ihr klargemacht,
dass ich sie genug unterstützt hätte,
und er würde mir verbieten, sie weiterhin zu unterstützen.
„Es soll gefälligst ihre komplette Familie antreten und sich um ihr Familienmitglied kümmern.“
Sie wolle nicht mehr, dass ich sie unterstütze.
Ich war geschockt und sagte,
dass ich nicht sie unterstütze – sondern Tommi.
Sie sagte, sie werde dem Arzt sagen,
dass wir gar keine Brüder seien –
und dann hätte ich gar nichts mehr zu sagen.
Ich war am Ende.
Ich rief meinen Bruder an und schrie eine Weile mit ihm herum.
Da wurde mir bewusst,
dass ich diese Dynamik auch bei Nora hatte.
Ich verstand zu dem Zeitpunkt noch nicht,
wie ähnlich sich beide waren –
und wie schlimm das noch für mich werden sollte.
Die letzte Phase
Die Ärzte sagten,
Peter würde innerhalb der nächsten 24 Stunden an multiplem Organversagen sterben.
Die Niere hatte aufgehört.
Die Leber folgte.
Und Nora?
Sie war da.
Nicht mit großen Worten.
Nicht mit Ratschlägen.
Nur mit ihrer bloßen Anwesenheit.
Ich kann es bis heute nicht erklären –
aber sie machte mich ruhig.
Allein dadurch, dass sie da war.
Der Tod
Ich sagte der Maßnahme, dass ich eine Weile fehlen würde.
Sie warnten, das könne Ärger mit dem Jobcenter geben.
Ich winkte ab:
„Nicht bei mir.“
Meine Sachbearbeiterin war nicht begeistert,
dass ich mir das überhaupt zumutete.
Aber sie unterstützte mich. Wie immer.
Auch meine Psychologin war an meiner Seite.
Sie gab mir Halt, Stabilität –
ich funktionierte besser, als ich dachte.
Ich war abends lange bei Tommi.
Durch die Schmerzmittel war er nur noch teilweise ansprechbar.
Ich wusste, es geht zu Ende.
Am nächsten Morgen war ich mit Nora zusammen,
als mein Bruder mich über Tommis Tod informierte.
Er sagte, ich solle schnell kommen.
Ich fragte:
„Wenn ich mich beeile – wird er dann wieder leben?“
Als die Antwort klar war, sagte ich:
„Ich weiß nicht, wann ich komme.“
Ich brauchte Zeit.
Zeit mit Nora.
Zeit, mich darauf vorzubereiten, ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Ich ging dann abends zu ihm und verabschiedete mich.
Er war ganz gelb – die Leber hatte versagt.
Er wirkte friedlich.
Er hatte endlich keine Schmerzen mehr.
Der letzte Abschied
Ich kondolierte seiner Mutter und umarmte sie.
Es waren ein paar Freunde da.
Sie verabschiedeten sich von ihm – und gingen.
Ich bat einen Freund, mit ihr zu Tommi zu fahren
und seinen Anzug und frische Wäsche zu bringen.
Ich wollte ihn waschen, rasieren und anziehen.
Uns wurde ein Krematorium empfohlen –
die Kosten sollten sich auf ca. 2000 Euro inkl. Sarg belaufen.
Da fing die Mutter an zu sagen,
dass sie es nicht einsehe,
einen guten Anzug zu verbrennen –
und warum sie einen Sarg bezahlen solle,
wenn er doch sowieso verbrannt werde.
Ich erklärte, dass der Sarg wichtig sei bei der Verbrennung,
und dass es mir wichtig sei, das zu einem guten Ende zu bringen.
Ich wollte, dass er gut aussah
und machte sie darauf aufmerksam,
dass Tommi schließlich für seine eigene Beerdigung bezahlt hat.
Sie sagte, das würde nicht stimmen.
Da ging ich zu Tommi,
küsste ihn noch einmal,
wünschte ihm eine gute Reise
und ging.
Stillstand
Ich war drei Tage lang im Dauerrausch.
Dann ging ich zurück zur Maßnahme.