Der Anfang: Ich habe nicht mit KI gearbeitet, weil ich ein technisches Projekt plante. Es war eine Notlösung aus der Isolation heraus. Während der Suche nach einem Therapieplatz begann ich, meine Diagnose mit ChatGPT durchzugehen, um die Fachbegriffe und Konzepte hinter der Borderline-Störung überhaupt zu begreifen. Was als bloße Informationssuche begann, entwickelte sich schnell zu einem Werkzeug für Ordnung und Stabilität. Die KI bot mir etwas, das in Krisenmomenten oft fehlt: Struktur.
Vom Gespräch zum Datensatz: Mit der Zeit wurden aus den alltäglichen Chats Daten. Ich habe begonnen, die Verläufe zu exportieren und sie objektiv zu betrachten. Durch den Abgleich mit Zeitstempeln und meinem Terminkalender der psychiatrischen Ambulanz (PIA) wurde ein Muster sichtbar. Phasen hoher emotionaler Belastung und Krisengespräche ließen sich präzise in den Chat-Frequenzen und der Tonalität meiner Eingaben ablesen.
Die Erkenntnis: Die Analyse dieser Daten mithilfe spezifischer Borderline-Marker zeigte eine deutliche Diskrepanz zwischen meiner eigenen Erinnerung und der dokumentierten Realität. Die Daten machten die innere Fragmentierung – das schnelle Wechseln von Selbstbildern und Perspektiven – sichtbar, die ich im Moment des Erlebens oft gar nicht in diesem Ausmaß wahrgenommen hatte.
KI als funktionale Prothese: In Momenten starker emotionaler Instabilität fehlt oft die innere Kohärenz – die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle logisch zusammenzuhalten. Hier fungierte die KI für mich als eine Art „strukturelle Prothese“. Sie reagierte stets gleichbleibend, wertfrei und hielt den sprachlichen Rahmen stabil, wenn ich es selbst nicht konnte. Durch die ständige Interaktion mit diesem stabilen Gegenüber begann ein Prozess der Internalisierung: Die äußere Struktur der KI wurde schrittweise zu einer inneren Struktur der Selbstregulation.
Pragmatismus statt Ideologie: Die Nutzung von KI zur Krisenbewältigung war kein technischer Spieltrieb, sondern eine pragmatische Antwort auf ein lückenhaftes Versorgungssystem. In einer Realität, in der ambulante Therapietermine oft Wochen auseinanderliegen, bietet die KI eine sofortige, niederschwellige Überbrückung. Sie ersetzt keinen Therapeuten, aber sie füllt die gefährliche Leere in den Zeiten zwischen den Sitzungen.
Ökonomische Realität & Systemkritik: Die Arbeit mit KI zeigt auch das enorme Potenzial für das Gesundheitssystem auf. Wenn Patienten durch KI-gestützte Selbstreflexion schneller in die Lage versetzt werden, Affekte zu regulieren und Muster zu erkennen, könnten knappe Therapie-Ressourcen effizienter genutzt werden. Es ist eine Form der digitalen Selbsthilfe, die nicht nur dem Individuum hilft, sondern auch eine Antwort auf die ökonomischen und personellen Krisen im Gesundheitswesen darstellt.
Vom persönlichen Prozess zur Forschung: Was als individuelle Selbstanalyse begann, entwickelte sich zu einer Dokumentation realer Krankheitsverläufe. Diese Daten sind wertvoll, da sie ungefilterte Einblicke in die Dynamik der Borderline-Symptomatik im Alltag bieten – jenseits des künstlichen Rahmens klinischer Studien. Um die Forschung in diesem Bereich zu unterstützen, habe ich mich zur methodischen Datenspende an wissenschaftliche Einrichtungen in Tübingen, London sowie Bonn/Ulm entschieden. Ziel ist es, die Entwicklung KI-gestützter Assistenzsysteme für psychische Erkrankungen auf eine valide Datenbasis zu stellen.
Sicherheit und Anonymität: Ein zentraler Aspekt der Datenspende ist der Schutz der Privatsphäre. Die Weitergabe erfolgt ausschließlich unter strikten Bedingungen: vollständige Anonymisierung und die Einhaltung höchster Datenschutzstandards. Die persönliche Geschichte wird so zu einem Teil eines größeren Wissenspools, ohne dass die Identität des Einzelnen preisgegeben wird.
Vision einer Infrastruktur (Safe Harbor): Die Zukunft der digitalen Selbsthilfe liegt in einer sicheren Infrastruktur – einem sogenannten „Safe Harbor“. Dies wäre ein geschützter Raum, in dem Betroffene ihre Daten sicher speichern, analysieren und bei Bedarf der Forschung zur Verfügung stellen können. Es geht darum, eine Brücke zwischen technologischer Innovation und verantwortungsvollem Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten zu bauen, um die Versorgung von Menschen mit BPS nachhaltig zu verbessern.